Geschichte

Auch am 18.01.2014 werden wieder mehrere hundert Rechte durch Magdeburg marschieren und der Öffentlichkeit erklären, sie hielten einen “Trauermarsch” ab. Mit Bezug auf die Todesopfer der Bombardierung Magdeburgs am 16.01.1945 – ohne Rückgriff auf deutsche Kriegsschuld und die Bedeutung Magdeburgs als wichtiger Standort der Rüstungsproduktion – findet damit eine Verdrehung geschichtlicher Tatsachen statt. Dem Gedenken der vielen Magdeburger und Magdeburgerinnen, die am 16.01.1945 gestorben sind oder der Trauer jener, die Angehörige, Bekannte und Freunde verloren haben, kann dieser “Trauermarsch” nicht dienen. Wäre Trauer das Motiv der Marschierenden, müssten auch die Motive der Alliierten bzgl. der Bombardierung Magdeburgs erklärt werden. Auch die bewusste Bezugnahme auf die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges verleugnet die vielen Opfer eines mordlüsternen faschistischen Regimes in Deutschland, verdrängt diese Opfer deutscher Tyrannei aus der Erinnerung. Das Ende des faschistischen Terrors konnte erst durch die vollständige Zerstörung der Rüstungsstandorte erreicht werden. Magdeburg war ein solcher kriegswichtiger Standort der Rüstungsindustrie. Die Polte Armaturen- und Maschinenfabrik OHG in Magdeburg war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts  einer der größten Munitionsproduzenten der Welt.

An verschiedenen Standorten der Polte-Werke wurden ab 1943 KZ-Häftlinge in der Produktion eingesetzt. Die Arbeit fand in zwei Schichten zu je 12 Stunden statt. Die wöchentlichen Arbeitszeiten betrugen 54 bis 90 Stunden. Die Häftlinge mussten zumeist im Akkord arbeiten. Neben Schlägen vom KZ-Aufsichtspersonal kam es auch zu Misshandlungen durch deutsche Arbeiter und Meister (die die fachlichen Vorgesetzten der Häftlinge waren). Arbeitsunfähige wurden in die jeweiligen KZ-Mutterlager zurückgeschickt. Es kam zu zahlreichen Todesfällen durch Unterernährung, Krankheiten, Erfrierungen oder Ermordung (in den Lagern) durch Aufsichtspersonal oder die SS. KZ-Außenlager gab es bei den Polte-Hauptwerken in Magdeburg-Stadtfeld (je eines für Frauen und Männer), sowie bei durch Polte betriebene Werke in Duderstadt, Genthin (Grüneberg), Seehausen und Arnstadt (Rudisleben). Auch befand sich in Magdeburg eine Außenstelle der Junkersbetriebe, die Motoren für die Luftwaffe herstellten. Für die Produktion der Mordwerkzeuge wurden 1943 allein etwa 43.000 Zwangsarbeiter_innen eingesetzt.

Die Krupp-Gruson-Werke fertigten Panzer und Geschütze und die Maschinenfabrik Buckau R. Wolf AG fertigte Torpedomotoren und hydraulische Geräte für den Flugzeugbau. An der Adresse Am Hopfengarten 8, der heutigen Friedrich-List-Straße, bestand ein Arbeitslager für russische Kriegsgefangene. Viele der Zwangsarbeiter kamen aufgrund der schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen ums Leben. Es wurde für die sogenannten Gefolgschaftsmitglieder ein Strafkatalog erlassen, der Bestrafungen für Verstöße gegen die Arbeitsdisziplin festlegte. Im Juli 1944 arbeiteten 5.827 Menschen in den Stammbetrieben des Unternehmens. Davon waren 1.442 Kriegsgefangene und 967 ausländische Zwangsarbeiter.

Die Grusonwerke konnten während des Krieges eine beachtliche Anzahl von Panzern und Sonderfahrzeugen herstellen. So war Magdeburg bis 1941 der einzige Hersteller des Panzers IV. Aber auch Munition und Teile für U-Boote wurden gefertigt. Trotz heftiger Bombardierungen im Jahre 1944, konnte das Werk seinen Ausstoß beibehalten. Dies war möglich, da Vieles auf Vorrat lag oder die Herstellung ausgelagert wurde. So stellte die Zement AG in Nienburg fortan die Planetengetriebe her, während in Bernburg bei W. Siedersleben & Co. die Lüfteranlagen gebaut wurden. Gegen Ende des Krieges sank die Produktivität aber rasch ab, so waren kaum noch Arbeitskräfte vor Ort und die Rohstoffe waren nicht mehr vorhanden. Die letzten Arbeiter ergaben sich den Amerikanern kampflos. [1]

Im Stadtteil Westerhüsen wurde das Zwangsarbeiterlager Diana betrieben. Das Lager entstand 1942 auf einem zuvor seit 1925 als Sportplatz genutztem Areal. Bauherr war das Chemiewerk Fahlberg-List, dessen Produktionsstätte sich weiter nordöstlich befand. In dem aus mehreren Baracken bestehenden Lager waren etwa 350  Zwangsarbeiter untergebracht, die bei Fahlberg-List eingesetzt wurden.  Zum überwiegenden Teil stammten die Menschen aus Osteuropa, vornehmlich aus dem Gebiet der damaligen Sowjetunion und Polens. Es gab jedoch auch Zwangsarbeiter aus anderen, zeitweise von Deutschland im Zweiten Weltkrieg besetzten, Gebieten. Aus westeuropäischen Ländern befanden sich etwa 40 Personen im Lager. Aufgrund der schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen und der schlechten medizinischen Versorgung kamen viele Zwangsarbeiter, und auch im Lager lebende Kinder, um. Die Toten wurden auf einem gesonderten “Ausländerfriedhof”, dem heutigen Feld der Vereinten Nationen an der Südseite des Friedhofs Westerhüsen beigesetzt.

Durch die Luftangriffe am 16.01.1945 erlitt das Werk großflächige Schäden. Zunächst verfügten die Betriebe nur in geringem Umfang über Schutzräume. 1944/1945 wurde ein großer Schutzbunker errichtet. Das Unternehmen konnte sich die durch die Luftangriffe entstandenen Schäden jedoch durch das Kriegssachschadenamt ersetzen lassen. Eine letzte Zahlung in Höhe von 3 Millionen Reichsmark erfolgte am 21. Februar 1945.

Nach der Zerstörung Magdeburgs durch den verheerenden Luftangriff vom 16. Januar 1945 wurden die Zwangsarbeiter zu Aufräumarbeiten in der Magdeburger Innenstadt eingesetzt. In der Nähe der Sternbrücke, der damaligen Adolf-Hitler-Brücke, hatte die Gruppe beim Bau von kleinen Bunkern zu helfen. Hier arbeiteten auch bis auf das Skelett abgemagerte jüdische Gefangene. Während dieser Arbeiten war jeweils ein schweres Maschinengewehr auf die Arbeitenden gerichtet. Unweit der Brücke wurden die Zwangsarbeiter Zeugen von Misshandlungen an jüdischen Gefangenen während eines Appells, in dessen Verlauf zwei jüdische Gefangene durch Schüsse in Kopf und Brust getötet wurden.

In Vorbereitung auf das Heranrücken US-amerikanischer Truppen auf Magdeburg wurde vor dem Buckauer Werk aus umgestürzten Straßenbahnen und Stacheldraht eine Panzersperre errichtet. Vor der damaligen Salzstraße und dem Straßenbahndepot hatte der Reichsarbeitsdienst in Buckau auch zwei 8,8 cm Flakgeschütze aufgestellt. Am 12. April 1945 erreichten US-amerikanische Truppen von Westen kommend Salbke und besetzten das Salbker Werk. Die Kriegsgefangenen wurden befreit, ihre Bewacher, soweit sie noch nicht geflohen waren, gefangen genommen. Die im Werk noch anwesenden Betriebsangehörigen wurden nach Hause geschickt. Im Zuge der Kampfhandlungen kam es durch US-amerikanischen Artilleriebeschuss zu größeren Schäden an den Anlagen der Werke. Am frühen Morgen des 14. April erfolgte ein Bombenangriff der deutschen Luftwaffe. Der Angriff traf insbesondere das Otto-Gruson-Werk in Buckau sowie das Salbker Werk und verursachte ernste Schäden. Am Abend des gleichen Tages sprengten deutsche Truppen einen auf dem Rangierbahnhof stehenden Munitionszug mit 17 Waggons. Es kam zu heftigen Explosionen, die ebenfalls zu Schäden führten. Im Ergebnis der verschiedenen Kriegseinwirkungen war das Salbker Werk etwa zu 70 % zerstört. Es fanden weiterhin Kampfhandlungen statt. Auch auf deutscher Seite wurden Panzer eingesetzt. Die US-Panzer mussten Salbke am 17. April wieder räumen und zogen sich bis zum Bahnhof Magdeburg Südost nach Westerhüsen zurück. Es erfolgten von 10.30 bis 17.00 Uhr schwere Luftangriffe auf Magdeburg sowie Artilleriebeschuss. Dabei traf eine Bombe den Eingang zum Luftschutzbunker des Buckauer Werks wodurch drei Werksangehörige ums Leben kamen. Am Abend des 17. April rückten die US-Truppen wieder vor und erreichten auch das Buckauer Werk. Die sich noch im Buckauer Werksbunker aufhaltenden Personen durften diesen dann am 18. April verlassen.

Diese Erinnerungen, die vielen Magdeburger und Magdeburgerinnen präsent sind, möchten die Marschierenden am 18.01.2014 nicht teilen. Da geht es um die “Helden der deutschen Wehrmacht” und die Opfer der Bombenangriffe und um Trauer über das Ende eines kriegstreibenden, faschistischen Regimes. Darum werden auch wie in den Jahren zuvor völkische Parolen zu lesen sein, geschichtsrevisionistische Zumutungen und stadtbekannte wie auch zugereiste Neofaschisten diesem “Trauermarsch” beiwohnen. Genau darum, weil nämlich deren Erzählung der Magdeburger Stadtgeschichte unzulässig verkürzt und populistisch verdreht ist, werden wir uns auch diesem Naziaufmarsch am 18. Januar 2014 entschlossen entgegenstellen.

Nazis blockieren – was sonst?!

[1] http://www.panzer-archiv.de/content/artikel.php?id=2