Toleranz – aktuell wie lange nicht

Toleranz – das ist ein großes Wort in der Theorie und eine noch größere Herausforderung in der Praxis. Wie groß die Bedeutung dieses Begriffs ist, zeigen nicht zuletzt die jüngsten politischen Ereignisse. Gerade die Flüchtlingskrise stellte die europäischen Staaten auf eine Bewährungsprobe. Immerhin prallten Menschen aufeinander, die politisch wie kulturell und gesellschaftlich mit teils extrem gegensätzlichen Werten geprägt worden sind. Einige europäische Staaten sträuben sich bis heute zum Teil sehr dagegen, den hilfebedürftigen, geflüchteten Menschen unter die Arme zu greifen, zu sehr wähnen sie sich überfordert mit der Herausforderung, Menschen aus anderen Kulturen aufzunehmen und zu integrieren.

Insbesondere Deutschland, das im Gegensatz dazu sehr viele geflüchtete Menschen aufgenommen hat und noch immer aufnimmt, liefert ein Beispiel dafür, wie es auch anders gehen kann. Dennoch erlebt Deutschland genauso wie andere europäische Staaten ein Aufstreben von Parteien am rechten Rand, die den Wert der Toleranz in Frage stellen, wenn nicht sogar massiv angreifen. Politiker wie Geert Wilders in den Niederlanden, Marine Le Pen in Frankreich oder auch Vertreter der AFD in Deutschland zeigen, wie es – selbst in Europa – mitunter um Toleranz bestellt ist.

Ein historisch hart umkämpftes Ideal

Die Probleme mit Intoleranz machen deutlich, dass Toleranz ein Ideal ist. Ein Ideal, das es anzustreben gilt, dem sich jedoch nur sukzessive genähert werden kann, ohne dass es je vollends erreicht werden könnte. Trotzdem ist gerade die westliche Welt dem Ideal näher als je zuvor, ging doch den heutigen Errungenschaften eine blutige und hart umkämpfte Geschichte voraus. Denn historisch war das Prinzip der Toleranz die Folge einer Reihe von Konflikten zwischen Kulturen als auch Religionen.

Vor allem der Dreißigjährige Krieg spielt dabei eine wichtige Rolle. In dem über große Teile Europas ausgedehnten Krieg ging es nicht nur um politische Vorherrschaft, sondern auch um einen Kampf der religiösen Strömungen des Katholizismus und des Protestantismus. Nun lässt sich freilich nicht davon sprechen, dass allein der Dreißigjährige Krieg zum Narrativ der Toleranz in Europa führte, doch er ist ein wichtiges Element für die Entwicklung der Epoche der Aufklärung, die etwa 50 Jahre später folgte. Diese machte den Wert der Toleranz zu einem essentiellen Anliegen. Überhaupt nahm sie die Etablierung von Menschenrechten und insbesondere die Tugend der Vernunft in den Blickpunkt. Es bleibt jedoch die Frage zu klären, was Toleranz eigentlich bedeutet.

Toleranz – Prinzip des friedlichen Miteinanders

Auf der 28. Generalkonferenz in Paris, 1995, haben sich die Staaten der UNESCO damit auseinandergesetzt, was Toleranz bedeutet und ihre Prinzipien in einer Erklärung niedergeschrieben. Sie meint vor allem, dass sich die Kulturen der Welt respektieren, akzeptieren und anerkennen sollen. Reichtum und Vielfalt der Gestaltungsweisen wie Ausdrucksformen des Menschseins sollen geachtet werden. Sie sei vornehmlich durch Offenheit, Wissen, Kommunikation, freies Denken, Gewissens- und Glaubensfreiheit zu erreichen. Das Prinzip akzeptiert demnach die Unterschiede, die zwischen Menschen bestehen. Zugleich verpflichteten sich jene Staaten, Toleranz und Gewaltlosigkeit durch Programme und Institutionen in verschiedenen Bereichen zu fördern. Ihrer Argumentation nach bestehen beim Prinzip der Toleranz einerseits eine moralische Verpflichtung und andererseits eine politische wie rechtliche Notwendigkeit, um Frieden zu gewährleisten.

Dabei ist Toleranz nicht in dem Sinne misszuverstehen, dass ein Handeln, das danach trachtet, die Menschenrechte oder Grundfreiheiten anderer einschränken zu wollen, toleriert werden müsste. Vielmehr ist es so zu verstehen, dass sowohl der Einzelne als auch Gruppen und Staaten sich aktiv um die Aufrechterhaltung der Menschenrechte und des bestehenden Pluralismus einsetzen müssen. In einer Kultur der Toleranz hat jeder Mensch hinsichtlich seiner Überzeugungen die Wahlfreiheit, solange er anerkennt, dass dies auch für jeden anderen Menschen gilt. Dieses Leitbild prägt eine offene Gesellschaft und ist das Fundament für ein friedliches Zusammenleben in ihr.